Event9/23/2020

Das deutsche Kapitalmarktmagazin „GoingPublic“ veröffentlichte im September 2020 ihr Special „Kapitalmarkt Schweiz“ und positionierte MDD mit ihrem Wissen zu digitalem Reporting. Lesen Sie das gesamte Interview hier.

„Ein Börsenneuling kann viel leichter noch Weichen stellen“

Interview mit Armin Galliker, Geschäftsführer, MDD

Das historische Jahr 2020 wird in Erinnerung bleiben – auch brachte es nicht zuletzt eine Bewusstseinsschärfung für alle möglichen Digitalthemen mit sich. Das GoingPublic Magazin sprach mit Armin Galliker über die aktuellen Trends – nicht nur die Schweiz selbst betreffend sicherlich.

GoingPublic: Herr Galliker, welchen Ratschlag geben Sie Unternehmen, die einen Börsengang in der Schweiz avisieren, aus Ihrer mittlerweile 20-jährigen Expertise mit auf den Weg?

Galliker: Der Vorteil eines heutigen Börsenneulings dürfte sicherlich sein, dass man die Prozesse gleich auf die Bedürfnisse der Aktualität einstellen und so implementieren kann. Das betrifft auch den Punkt Reporting – womöglich kann man bei einem Börsenneuling leichter auch in Richtung integrierter Berichterstattung mit all ihren ESG-Facetten gehen.

Ist eine Unterscheidung zwischen bereits kotierten Unternehmen und Börsenaspiranten notwendig?

Ich möchte behaupten, dass schon lange in der Öffentlichkeit stehende Unternehmen zuweilen Schwierigkeiten haben, sich in der Kommunikation mit ihren Stakeholdern schnell und stark zu verändern. Hier hat sich sicherlich eine gewisse Routine eingebürgert, die von gewissen Erwartungshaltungen auf beiden Seiten geprägt ist. Das kann die Form der Berichterstattung betreffen, aber auch – wie bei uns in der Schweiz ein Thema – der Punkt Mehrsprachigkeit sein. Ein Börsenneuling kann viel leichter die Weichen stellen, z.B. nicht mehrsprachig zu berichten.

Wie beratungsaufgeschlossen sind Börsenaspiranten aus Ihrer Erfahrung heraus – oder kämpft man dabei gegen viele Widerstände?

Meine Erfahrung ist, dass Börsenneulinge durchaus aufgeschlossen sind zu lernen, wie ihre Peergroup die relevanten Themen angegangen ist. Das wird sehr wohl beobachtet.

Machen Sie in Ihrer Ansprache einen Unterschied zwischen PR- und IR- Themen?

Unterm Strich sind die dahinterstehenden Bedürfnisse doch die gleichen: in einem überschaubaren und effizienten Prozess mit seinen Stakeholdern zu kommunizieren. Das lässt sich IR oder PR nennen oder kann auch intern beim Emittenten in der Finanz- oder Rechtsabteilung aufgehängt sein. Durch eine integrierte Berichterstattung verschmelzen die Bedürfnisse weiter bzw. das Reporting beantwortet umfassend Fragen aller Stakeholder.

Ist die fehlende Historie, der berühmte Track Record, deren Reputation ein Börsenneuling erst aufbauen muss, ein grosses Thema beim Going Public?

Natürlich geht das vor allem über eine konstante und ehrliche Message – und die spiegelt sich besonders auch in der Berichterstattung wider. Über ein entsprechend gutes Reporting lassen sich Track Record und Reputation über Jahre hinweg aufbauen – oder auch mal schnell einbüssen. Eine integrierte Berichterstattung ermöglicht einem Börsenneuling, zusätzliches Vertrauen aufzubauen.

Hat man als Dienstleister dabei eine Art Mehrjahresplan auf dem Radar oder fährt man wie ggf. speziell dieses Jahr „auf Sicht“?

Natürlich hängt stets viel am Content des jeweils aktuellen Jahres. Aber für den Gesamtauftritt des Emittenten ist zweifellos ein Mehrjahresplan empfohlen, den alle Anspruchsgruppen durch Konstanz und Transparenz wiedererkennen. Dadurch gewinnt das Unternehmen Kredibilität seiner Stakeholder. Das betrifft nicht nur die Inhalte, sondern auch die Kommunikationsformen wie Print, online usw. Das kann und sollte man nicht jedes Jahr ändern oder ganz neu erfinden. Durch Konsistenz entwickelt sich Transparenz, d.h. jeder Stakeholder findet die gewünschten Informationen schnell und effizient.

… jedenfalls, sofern die Ansprechpartner gleichbleiben. Wie schwierig wird die Ausgangslage, wenn Ansprechpartner oder Zuständigkeiten beim Emittenten wechseln?

Das ist ein wichtiger Punkt – ganz klar. Aber frisches Blut bringt oft neue Blickwinkel und Bestehendes wird positiv hinterfragt. Wechselnde Zuständigkeiten oder Ansprechpartner aufseiten von Emittenten haben eher bei kleineren Unternehmen einen grossen Einfluss; bei grösseren zeigt eine Personalrochade weniger erkennbare Unterschiede.

"Wir selbst haben uns in den letzten zwei Jahrzehnten mehrfach neu erfunden!"

Kommen mit neuen Ansprechpartnern nicht auch Ideen ins Spiel, die z.B. im angesprochenen Mehrjahresplan noch kein Thema waren – und sich ggf. nur schwer integrieren lassen?

Es gehört zu unserem Know-how, dass wir darauf natürlich einen Blick behalten – lässt sich das noch vereinbaren oder benötigen wir einen neuen kleinsten gemeinsamen Nenner? Umgekehrt kann man aber auch festhalten, dass die Ausrichtung auf neue digitale Strategien befördert wird, wenn man neue Ideen integrieren muss. Gerade dieses Jahr hat ja entsprechende Anlässe dazu geboten.

XBRL macht auch vor der Schweiz nicht halt. Ist der EU-Raum inkl. Schweiz mit den neuen Auflagen homogen abgedeckt?

Die Digitalisierung verfügt in der Schweiz in diesen Punkten zweifellos noch über einen Nachholbedarf. Nicht alles ist homogen mit EU- oder internationalen Auflagen – oftmals nur dann, wenn Tochterunternehmen in der EU kotiert sind. Meine Sorge ist deshalb, dass Schweizer Unternehmer bei internationalen Inves toren an Aufmerksamkeit einbüssen, wenn Reportingformate nicht deckungsgleich genug sind. 

Wen sehen Sie dabei in der Bringschuld?

Dass sich die Schweizer und EU-Regulation noch weiter angleichen werden, ist ein längerer Prozess. Was jeder Emittent in eigenem Interesse machen kann, ist aber, sich auch ohne Zwang an die Bedürfnisse und Erwartungen seiner internationalen Investoren anzupassen und Standards zu erfüllen, die seine Zielgruppe gewohnt ist.

MDD feiert wie eingangs angedeutet 20-jähriges Jubiläum. Lässt sich nach so vielen Jahren im Metier das Rad in Sachen Reporting für Kunden immer noch mal wieder neu erfinden …?

Ich möchte behaupten, wir selbst haben uns in diesen zwei Jahrzehnten mehrfach neu erfunden! Dabei wirft man nicht alles Bewährte über den Haufen – man muss jedoch stets den neuen Strömungsrichtungen gerecht werden. Das haben wir gemacht, sonst hätten wir wohl nicht mal zehnjähriges Jubiläum begehen können. Dabei war der Austausch mit unseren Kunden sehr entscheidend. Ebenfalls neue Denk- und Entwicklungsprozesse, die viel agiler sind als in der Vergangenheit, tragen dazu bei. Schauen Sie auf das aktuelle, historische Jahr 2020, was dies alles verändert hat. Es hat unterm Strich mehr Zeit für alle gebracht, weniger Reisen und schliesslich auch die Aufmerksamkeit für sämtliche digitalen Themen – das hätte kein Überzeugungsgespräch mit Emittenten so nachhaltig vermocht.

Herr Galliker, ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit und die überaus interessanten Einblicke!

Das Interview führte Falko Bozicevic.

Zum Autor

Armin Galliker ist Geschäftsführer sowie Inhaber der MDD und hat das Konzept sowie die technische Plattform für die Erstellung des digitalen Reportings entwickelt.

E-Mail: a.galliker@mdd.ch